Portugal

Der Schwager Pfarrer Seemann berichtete 1885 über Wilhelms Leben:

Auch da fand er Gelegenheit, in öffentlichen Konzerten aufzutreten, … fand freundliche Aufnahme in vornehmen Familien und dann sein hohes Lebensglück in der Verheiratung mit der vortrefflich begabten Luise de Albuquerque. Mit ihr begab er sich nach der Azoreninsel Faial, wo er ein einträgliches Handelsgeschäft bis zum Jahre 1867 betrieb, dann nach Lissabon zog, wo er an der englischen Telegraphen-Anstalt die Stelle eines Direktors erhielt und daselbst starb 1872.

Die Herkunft der Luiza Mouzinho de Albuquerque

Sie war die Tochter des bedeutenden Militärs, Politikers, Dichters und Wissenschaftlers Luiz da Silva Mouzinho de Albuquerque (1792-1846) und der Dona Ana de Mascarenhas Athayde, ebenfalls Angehörige des portugiesischen Hochadels. Luiza war das jüngste von fünf Kindern. Ihr Vater war Mitglied der portugiesischen Akademie der Wissenschaften und begabter Ingenieur, beschäftigte sich aber auch mit Fragen der Bildung. Im Miguelistenkrieg gehörte er zur obersten Riege der Führer des liberalen Widerstands, war mehrfach Minister in verschiedenen Regierungen und überzeugter Cartist, der die Königin unterstützte. Jedoch war er mit der Diktatur Costa Cabrals nicht einverstanden und schloss sich einem Aufstand an, in dem er 1846 fiel. Sein Sohn José Diogo Mascarenhas Mouzinho de Albuquerque (1824 – 1872) nahm ebenfalls am Aufstand teil.

1851/52
Wilhelm beeindruckte die Gesellschaft in Lissabon mit seiner Sprachkenntnis, seiner Weltgewandtheit und seinem Klavierspiel. Bald war er Gast auf Soireen und Bällen des Adels. Erstmals benutzte er hier den Namen d‘Orey als Pseudonym oder vielleicht auch Künstlernamen, der ihn gleichzeitig vor Verfolgung schützte und ihm die mystische Aura des poli- tischen Flüchtlings verlieh, die er geschickt förderte. Als politisch Verfolgter beantragte er eine finanzielle Unterstützung vom Staat, die er auch erhielt.

10. August 1852
Ein Freund lud ihn ein, den Sommer in Leiria zu verbringen. Auch die Familie de Albuquerque war dort und so lernte Wilhelm seine zukünftige Frau Luiza Mouzinho de Albuquerque kennen. Bei einem Badeurlaub am Meer in Nazare machte er ihr einen Antrag. Luiza setzte bei ihrer Mutter die Verlobung durch, indem sie drohte ins Kloster zu gehen, wenn sie Wilhelm nicht heiraten dürfte.

10. November 1852
Wilhelm ließ sich, um Luiza heiraten zu können, in Lissabon katholisch taufen. Auf dem Taufschein gab er sich als adlig aus.

18. November 1852
Die Hochzeit mit Luiza Mouzinho de Albuquerque fand im kleinen Kreis in der Kirche des Landsitzes der de Albuquerques in Quinta da Varzea statt. Unklar ist, warum Wilhelm nicht selbst anwesend war, sondern durch Luizas Bruder José Diogo de Albuquerque vertreten wurde.

23. November 1852
Die offizielle Trauuung, diesmal mit Wilhelm, fand erst fünf Tage später in Batalha statt.

Das Paar lebte zuerst in Lissabon in einem Hotel und nahm rege am gesellschaftlichen Leben teil. Aber Wilhelm glaubte sich bespitzelt, deshalb zogen sie in das Haus eines Freundes um.

„ … dieser Brief wird Ihnen von einer, so bin ich sicher, bereits gut bekannten Person übergeben, der auf Grund von Umständen, die ich hier nicht wiederholen muss, die Freundschaft von vielen der unseren hat. Diese Freundschaft ist durch die Hochzeit mit der Tochter meines alten und geliebten Freundes Luiz Mouzinho de Albuquerque noch verstärkt worden, eine junge Dame mit den besten Qualitäten. Sie werden auf dieser Insel wohnen und Eure Exzellenz würde mir einen großen Gefallen tun, wenn Sie die beiden gut empfangen könnten. …“

Aus dem Empfehlungsschreiben des Visconde de Almeida Garrett an den Gouverneur von Faial:

März 1853
Wilhelm und Luiza zogen auf die Azoreninsel Faial, in die Stadt Horta. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt mit Sprach- und Klavierunterricht. In Horta wurden sie schnell in die Gesellschaft aufgenommen.

Luiza und Familie in Faial

15. November 1853
Maria II. von Portugal starb bei der Geburt ihres 11. Kindes. Luiza de Albuquerque war seit der Kindheit mit ihr befreundet gewesen und oft am Hof zu Gast.

19. Dezember 1853
Geburt der ersten Tochter Maria Luiza

24. Mai 1855
Geburt der zweiten Tochter Ulrike

In diesem Jahr verkaufte Wilhelms Mutter, Ulrike Uden Achilles, in Wusterhausen das Haus am Markt an den Kaufmann Robert Zillich.
Wegen Luizas Gesundheitszustand fuhr Wilhelm nicht nach Deutschland. Im Oktober nahm das Paar an den Krönungsfeierlichkeiten von Dom Pedro V. in Lissabon teil.

August 1856
Wilhelm fuhr mit seiner Frau nach Deutschland, natürlich auch nach Wusterhausen. Berlin mussten sie eilig verlassen, weil die Polizei auf Wilhelms Spur gekommen war. In Bad Nauheim erholte sich Luiza und bei einem Besuch in Mannheim lernte Wilhelm, der sich als Franzose ausgab, Alexander von Humboldt kennen. Humboldt ließ ihm ein französisches Exemplar seines Werkes „Cosmos“ zukommen. Auf dieser Reise kaufte Wilhelm auch Waren ein, vor allem Stoffe, mit denen er in Horta ein Ge- schäft aufbaute.

Alexander von Humboldts Brief an Wilhelm

September 1858
Schiffbrüchige der Katastrophe der„Austria“ kamen mit der „Maurice“ nach Faial. Wilhelm unterstützte die Überlebenden, besonders den schwer verletzten Dr. Hubert Scheck.
Im Herbst besuchte der portugiesische Kronprinz Dom Luiz die Azoren. Ihm zu Ehren fand ein großer Ball beim amerikanischen Konsul Dabney statt, zu dem auch die d‘Oreys eingeladen waren.

5. Dezember 1858
Geburt des ersten Sohns Ruy

Willst du dir ein hübsch Leben zimmern, Mußt dich ums Vergangne nicht bekümmern, Das Wenigste muß dich verdrießen;
Mußt stets die Gegenwart genießen, Besonders keinen Menschen hassen
Und die Zukunft Gott überlassen.

Aus Wilhelms Notizbuch: Lebensregel von Johann Wolfgang von Goethe

1859
Wilhelm fuhr wieder nach Deutschland, diesmal besuchte er nicht nur die Familie und kaufte neue Waren ein, sondern er hatte auch wegen seiner Hilfe für die Schiffbrüchigen der „Austria“ eine Audienz beim zukünftigen Kronprinzen Friedrich Wilhelm.

22. Juli 1860
Geburt des zweiten Sohns Fritz

25. September 1862
Geburt des dritten Sohns Luiz.

Die Familie war zu groß geworden – nun stand ein Umzug an. Auf Vermittlung des Konsuls Dabney kaufte Wilhelm ein Eckhaus mit drei Stockwerken und einem schönen Garten.
Wilhelm nannte es „Maison Sans Souci“.

Das Haus steht nach einem Erdbeben heute nicht mehr.

Um seine Mutter zu besuchen, reiste er erneut nach Deutschland. Belegt ist seine Rückkehr über Paris im September durch einen Brief eines Mitreisenden an Konsul Dabney, in dem Wilhelm erwähnt wird.

Juli-Oktober 1864
Wieder unternahm Wilhelm eine Reise nach Deutschland.
Er reiste von Faial am 14. Juli auf dem Dampfschiff „Maria Pia” ab und kehrte am 13. Oktober mit demselben Schiff zurück.
Diesmal kam er in Begleitung seines Neffen Richard Seemann.
Der war 21 Jahre alt und sollte sich auf der Insel von einer Krankheit erholen. Richard wurde auch in Wilhelms Geschäft eingeführt.

27. Oktober 1864
Geburt der dritten Tochter Ana.

16. August 1866
Geburt des vierten Sohnes Waldemar.

September 1866
Die Familie entschloss sich, aufs Festland umzuziehen. Sie wohnten auf dem Familiengut Quinta da Varzea.

Um die Geschäfte auf Faial kümmerte sich Richard Seemann, der später auf der Nachbarinsel São Miguel ein eigenes Geschäft aufbaute. Seine Kinder wurden auf den Azoren geboren, bevor er 1887 nach London und später nach Kanada ging.

… Ich versuche mich auf den Beinen zu halten, aber die Sorgen greifen mich von allen Seiten an. Ich hoffe jedoch, dass dies meinen moralischen Weg immer weiter stärkt, und hoffe auch als Sieger aus diesem Kampf herauszukommen, aber das Leben ist zur Zeit schwierig für mich. Meine Familie wächst weiter, aber der Himmel, der mir diesen Segen schenkt, wird mir auch helfen. …Ihr sehr ergebener und dankbarer Achilles d’Orey

Brief von Wilhelm d‘Orey an Charles Dabney 1870 (aus: Annalen der Familie Dabney)

Anfang 1867
Die Familie zog endgültig nach Lissabon.
Achilles d’Orey war hier eng befreundet mit Graf Gustav von Brandenburg, dem preußischen Botschafter in Lissabon, Militär-Attaché Theodor von Bernardi und dem Botschaftssekretär Tieck. Diese unterstützten ihn bei seinen Bemühungen, die preußische Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen, die er durch die jahrelange Abwesenheit verloren hatte. Er wollte für seine Söhne eine Ausbildung in Deutschland ermöglichen.

Dazu musste er den Nachweis erbringen, dass er nicht aktenkundig als Teilnehmer des Aufstands 1848/49 in der Pfalz und Baden war. Die Prüfung der Akten blieb ergebnislos, und obwohl er in Portugal den Status als Flüchtling innegehabt hatte, war er nun nachweislich ein Bürger, gegen den nichts vorlag.

Ein weiterer Schritt war die neue Heiratsurkunde, die diesmal mit seinem wirklichen Namen Wilhelm Achilles ausgestellt wurde. Ein Problem war aber der Name d‘Orey, der von den Behörden nicht anerkannt wurde.

September 1867
Er reiste noch einmal nach Faial, um dort sein Geschäft aufzulösen.

1868
Auf Vermittlung des Schwagers José Diogo, der Generaldirektor der portugiesischen Telegraphengesellschaft war, begleitete Wilhelm als Übersetzer den Vertreter Portugals zur 2. Internationalen Telegraphenkonferenz in Wien. Dort lernte er Jules Despecher kennen, der verschiedene Kabelgesellschaften vertrat. Wilhelm wurde selbst Vertreter der Eastern Telegraph Companie Limited in Portugal.

20. August 1868
Geburt des fünften Sohns Guilherme.

1870
Es zeigten sich bei Wilhelm immer deutlichere Anzeichen der Brightschen Krankheit, eines schweren Nierenleidens. Er unternahm nun alle Anstrengungen, seine Söhne in einer preußischen Kadettenanstalt ausbilden zu lassen. Sein Freund Graf Brandenburg schrieb zur Unterstützung seines Anliegens direkt an Kanzler Bismarck.

14. Oktober 1870
Geburt der vierten Tochter Maria.

16. November 1870
Tod der Mutter Ulrike Uden Achilles in Wusterhausen.

Romance shall be written on my grave!

Wilhelm im Gespräch mit Konsul Dabney

März 1871
Tod des guten Freundes Konsul Dabney.

Grabstein Charles W. Dabney

Frühjahr 1871
Tod der Tochter Maria mit 7 Monaten.

Mai 1871
Anlässlich des Sieges im Deutsch-Französischen Krieg organisierten auch die in Lissabon ansässigen Deutschen in Queluz eine Siegesfeier, an der Wilhelm trotz der Krankheit teilnahm.

Juli 1871
Wilhelm erhielt den ersehnten „Heimatschein“ und war damit wieder preußischer Staatsbürger. Die Anerkennung schloss die Kinder nicht ein, so dass Wilhelm weiter kämpfen musste.

Juni-September 1871
Auf seiner letzten Reise nach Deutschland über London und Belgien begleitete er die beiden ältesten Söhne Ruy und Fritz zur Aufnahme in die Kadettenausbildung. Sie besuchten das Kadettenkorps in Potsdam.
In Berlin hatte er eine zweite Audienz beim Kronprinzen Friedrich Wilhelm, der ihm nach der Familienüberlieferung versprach, immer ein Auge auf Ruy zu haben.
Er zeigte den Söhnen Berlin und besuchte mit Ihnen Wagners Oper „Tannhäuser“. Über Wiesbaden reiste er nach Bensberg,
wo die Söhne in die Kadettenanstalt eintraten, und fuhr allein zurück. Er versuchte jetzt alles, um seine Familie nach seinem
Tod abzusichern.

Januar 1872
Unerwartet starb der Schwager und enge Freund José Diogo de Albuquerque.

15. März 1872
Trotz der Krankheit kaufte Wilhelm zu Luizas Geburtstag einen Strauß Rosen, mit einer vollen Blüte und neun kleinen Knospen als Sinnbild für seine Frau und die neun Kinder.

26. März 1872
Geburt des jüngsten Sohn José Diogo.

18. April 1872
Wilhelm d‘Orey alias August Eduard Wilhelm Hector Achilles starb morgens um vier Uhr mit noch nicht 52 Jahren an seiner schweren Nierenerkrankung.

7. April 1873
Postum erhielt Wilhelms Familie per allerhöchster Kabinettsorder die Anerkennung des Familiennamens Albuquerque d’Orey und die preußische Staatsbürgerschaft für Luiza und alle neun Kinder.

Wilhelm und Luiza haben trotz aller Widrigkeiten ihren Söhnen eine gute Ausbildung in Deutschland zukommen lassen.